Vielschichtiger Widerstand

21:44 Uhr – ‘t Verzet ist niederländisch und heißt “der Widerstand” – und schon weiß man, dass dieses auf den ersten Blick etwas altbacken wirkende, unauffällige Etikett wohl eher zu einer jungen Brauerei gehören muss. 2011 gründeten drei Freunde die Brauerei im belgischen Anzegem, um traditionellem Bier einen neuen Anstrich zu geben. Diesen Anstrich kann man auf den zweiten Blick auch auf dem Etikett erkennen: Ein faltiger alter Mann trägt eine Hip-Hopper-Mütze und eine enorme Goldkette, ein Hopfen geht an einer Gehhilfe, die Zeit in einer Sanduhr läuft langsam ab, aus einem Holzfass schlagen Äste aus, und ein Apfel und eine Erdbeere kämpfen.

Das sind wohl alles versteckte Hinweise auf den Inhalt der braunen Flasche: Ein Oud Bruin, ein Verschnitt aus zwei Jahrgängen (2019 und 2020) eines dunklen Sauerbieres, das in unterschiedlichen Eichenfächern gelagert wurde. Nach dem Mischvorgang war das Bier noch mindestens 6 Monate in der Flasche. Da diese Flasche auch schon eine ganze Zeit in meinem Keller verbracht hat, dürfte das Oud Bruin schon etwas gereift sein.

Kastanienbraun mit schönem, dunklem Rotschimmer fließt das belgische Bier ins Glas. Dafür, dass es unflitriert ist, wirkt es erstaunlich klar – und ist wegen seiner dunklen Farbe doch beinahe blickdicht. Der cappuccinofarbene Schaum ist fein und wird von großen Lufteinschlüssen durchbrochen. Er hält sich gut, wenn auch nicht ewig.

Der Duft ist fruchtig schwer und erinnert mich an einen Mix aus süßen Zwetschgen und säuerlichen Äpfeln. Dank dem Hinweis auf dem Etikett würde ich mich auch dazu hinreißen lassen, einen Hauch von Erdbeere zu riechen. Je länger man riecht und sich an das Säuerliche gewöhnt, desto mehr Süße Aromen treten hervor. Weiches Marzipan und nasser Kuchenteig sind dabei, die Zwetschge könnte auch eine gewisse Zeit in einem Rumtopf verbracht haben.

Die Zungenspitze empfängt säuerlichen Apfelsaft, auch helle Trauben sind dabei. Weiter hinten im Mund kommen rote und dunkle Beeren dazu und eine überraschende, kurze und zuckrige Süße. Zucker ist ein gutes Stichwort, denn auch der Geschmack von Zuckerrüben ist präsent, die weichen Zwetschgen setzten ihr Dasein im 6 Prozent schweren Bier fort.

Das sehr komplexe Bier wird mit jedem Schluck trockener, mit roten Früchten und Trauben, der vorhandenen Säure und einem leicht animalischen Geschmack erinnert es mehr und mehr an Rotwein. Es wird sehr deutlich, dass hier Brettanomyces Hefen mit im Spiel waren. Sogar ganz leicht rauchig wird es.

Im Abgang dominiert das bisher Beschriebene, dazu komme eine leichte Herbe von nicht mehr ganz frischem Gras und überraschenderweise eine schwere, sauer-bittere Zitrusnote. Im Nachgang trocknen Gaumen und Zunge komplett aus, auf den Zähnen bildet sich dicker Belag, der Rotweingeschmack und eine zurückhaltende Schärfe lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen.

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